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Start-ups fördern mit Sparguthaben

By Mai 14, 2019Uncategorized

Start-ups fördern mit Sparguthaben

Eine Vertreterin der jüngeren Generation und ein Babyboomer, der kurz vor der Pensionierung steht, machen sich Gedanken über die Zukunft des Werkplatzes Schweiz. Mit solch unterschiedlicher Perspektive finden sie sich beide im Engagement für einen «Zukunftsfonds Schweiz»: Das Land solle einen kleinen Teil des immensen Sparguthabens für Investitionen in vielversprechende Jungunternehmen nutzen.

Die Heimat in 36 Jahren

Gastkommentar von Sunnie J. Groeneveld

Ich bin 29 Jahre alt, das heisst, ich werde noch mindestens 36 Jahre AHV- und Pensionskassenbeiträge einzahlen. Innerhalb dieser 36 Jahre werden einerseits aufgrund der demografischen Entwicklung immer weniger Erwerbstätige für mehr Rentner aufkommen müssen. Andererseits wird die Wirtschaft aufgrund der Digitalisierung einen riesigen Umbruch erleben. Erste Beispiele sind allseits bekannt: Airbnb und die Hotellerie, Spotify und die Musikindustrie, Whatsapp und die Telekommunikationsbranche, Google und die Medienbranche. Wenn auch die Vorhersagen auseinandergehen, eines ist klar: Die Wirtschaft von morgen wird von Technologien und Marktteilnehmern geprägt werden, die heute noch in ihren Kinderschuhen stecken.

Was meine Vorsorgeplanung für die nächsten 36 Jahre anbelangt, gibt es nun eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute zuerst: Die Schweiz ist ein weltweit führendes Innovationsland. Als erste Geschäftsführerin der Standortinitiative «digitalswitzerland» habe ich schweizweit mit einer Vielzahl von Top-Talenten und Forschungsinstituten zusammenarbeiten dürfen. Jahr für Jahr bringen hochskalierbare Jungunternehmen innovative Produkte auf den Markt und schaffen dabei Arbeitsplätze. Ihre Wurzeln haben sie in der Regel in der Forschung.

«Climeworks» und Beekeeper

Beispiele von ETH-Spin-offs sind «climeworks» und Beekeeper. Aus den Labors der EPFL sind «mindmaze» und Abionic hervorgegangen. Wohin dies im besten Fall führt, zeigt das Beispiel Actelion, ein Spin-off aus der Roche-Forschung. Das Unternehmen konnte sich Anfang Jahr für 30 Milliarden Franken an Johnson & Johnson verkaufen und gleichzeitig einen unabhängigen Forschungs- und Entwicklungscluster mit Hunderten von Arbeitsplätzen ausgliedern, der am Standort Basel zu neuen Ufern im Pharmasektor aufbricht.

Qualitativ sind diese Jungunternehmen an der Spitze der technologischen Entwicklung oft besser als jene aus dem Silicon Valley, wo ich eine Zeitlang bei einem Web-Startup gearbeitet habe. Zweifellos haben einige Schweizer Jungunternehmen das Potenzial, das nächste Google, Whatsapp oder Airbnb zu werden, Tausende von Arbeitsplätzen zu schaffen und so massgeblich zu einer starken Schweizer Wirtschaft von morgen beizutragen.

Was dabei erstaunt, ist, dass Schweizer Pensionskassen in keiner Weise involviert sind, obwohl sie das drittgrösste Pensionskassenvermögen der Welt besitzen.

Nun aber die schlechte Nachricht: Obwohl von Genf bis St. Gallen und von Basel bis Lugano die Gründungen von Hightech-Jungunternehmen zunehmen, wandern viele der grossen Ideen nach erfolgreicher Startphase in der Schweiz nach Berlin, London oder San Francisco ab, wo die Gründer ihr Wachstumskapital finden, das in der Schweiz fehlt. Erkannt hat dies jüngst auch der Bundesrat. Einerseits belegt er in einem Bericht vom März, dass der Anteil der Risikokapitalinvestitionen am Bruttoinlandprodukt der Schweiz nur 0,044 Prozent beträgt, womit wir deutlich hinter den führenden Ländern wie Israel (0,383 Prozent) oder den USA (0,284 Prozent) liegen. Andererseits kündigte letzte Woche Bundesrat Schneider-Ammann einen privat geäufneten Fonds an, der ab 2018 Schweizer Startups mit Risikokapital für Wachstumsfinanzierungen unterstützen soll. Grossfirmen und Privatpersonen haben in einer Absichtserklärung insgesamt 300 Millionen Franken zur Alimentierung in Aussicht gestellt.

Die Lösung liegt auf der Hand

Was dabei erstaunt, ist, dass Schweizer Pensionskassen in keiner Weise involviert sind, obwohl sie das drittgrösste Pensionskassenvermögen der Welt besitzen. Denn mit meinem 36-jährigen Anlagehorizont würde ich aus Renditeüberlegungen zweifellos fünf Prozent meiner Vorsorge in eine diversifizierte Auswahl von Schweizer Hightech-Jungunternehmen investieren. Dennoch lehnen es Vorsorgeeinrichtungen bis jetzt ab, auch nur ein Prozent ihres Vermögens in das Wachstum zukunftsweisender Schweizer Spitzentechnologien zu investieren.

Pensionskassen sollten einen einstelligen Prozentsatz ihres Vermögens als Wachstumskapital in innovative, hochskalierbare Jungunternehmen investieren.

Dabei liegt die Lösung seit vier Jahren auf der Hand: Durch die Schaffung eines Dachfonds wie des Zukunftsfonds könnten Pensionskassen ihr Risiko breit verteilen und gleichzeitig von der erhöhten Rendite bei Wagniskapitalinvestitionen profitieren. Stattdessen investieren sie in Immobilien, Obligationen sowie Aktien der etablierten «Old Economy» und lassen die Wirtschaft der Zukunft unberücksichtigt.

Die Konsequenzen davon tragen die heute jungen Leute. Denn die hochskalierbaren Schweizer Hightech-Jungunternehmen werden dereinst den Werkplatz Schweiz und unseren zukünftigen Wohlstand sichern. Mein Anliegen ist entsprechend simpel: Pensionskassen sollten einen einstelligen Prozentsatz ihres Vermögens als Wachstumskapital in innovative, hochskalierbare Jungunternehmen investieren, damit es meiner Heimat in 36 Jahren noch gutgeht und sie mir dannzumal auch tatsächlich eine Rente auszahlen kann.

Dieser Artikel wurde zuerst auf NZZ publiziert: https://www.nzz.ch/meinung/kommentare/wachstumskapital-start-ups-foerdern-mit-sparguthaben-ld.1304313

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